Jetzt ist Schwarmwetter - Wie kann ich Schwarmwetter erkennen?
Was wir unter «Schwarmwetter» verstehen
In der Imkerei sprechen wir von Schwarmwetter, wenn äussere Umweltbedingungen und innere Volksentwicklung gleichzeitig den natürlichen Fortpflanzungstrieb der Honigbienen auslösen. Schwärmen ist aus biologischer Sicht kein Problem, sondern ein Zeichen von Vitalität und Stärke des Volkes. Gerade bei uns im Kanton Zug, mit wechselhaftem Frühlingswetter, beobachten wir, dass Schwärme oft geballt an wenigen idealen Tagen abgehen.
Wissenschaftlich ist gut belegt, dass Schwarmereignisse nicht zufällig auftreten, sondern stark mit bestimmten Wetterfenstern korrelieren (Grozinger et al., 2014; Rutschmann et al., 2025). Diese Erkenntnisse decken sich erstaunlich gut mit unseren praktischen Beobachtungen am Stand.
Warum 20 bis 30 °C entscheidend sind
Honigbienen fliegen zwar bereits ab rund 10 °C, doch ihr Verhalten verändert sich markant ab etwa 18–20 °C. Studien zeigen, dass Aktivität, Brutpflege und auch Schwarmbereitschaft bei Temperaturen zwischen 20 und 30 °C am höchsten sind (Vincze et al., 2024).
Nach kühleren Phasen mit eingeschränktem Flug kommt es bei plötzlicher Erwärmung zu einem regelrechten „Aktivitätsstau“. Die Völker explodieren förmlich in ihrer Dynamik – ein klassischer Nährboden für Schwärme. Wir sehen das besonders häufig im Mai, wenn auf ein kaltes Aprilende mehrere warme Tage folgen.
Feuchtigkeit undLuftdruck: Unterschätzte Faktoren
Hohe relative Luftfeuchtigkeit wirkt auf zwei Ebenen. Einerseits fördert sie die Nektarproduktion vieler Pflanzen, andererseits beeinflusst sie das Stockklima. Moderate Feuchtigkeit in Kombination mit Wärme steigert die Sammelleistung und damit das Wachstum des Volkes (Clarke & Robert, 2018).
Nach längeren Regenperioden ist die Luft oft gesättigt, der Boden feucht und die Vegetation „unter Spannung“. Sobald es aufklart, stehen den Bienen plötzlich grosse Nektarmengen zur Verfügung. In dieser Phase beobachten wir in der Region Zug besonders häufig Schwarmabgänge – oft bereits am späten Vormittag.
Schwärmen nach Schlechtwetterperioden
Warum der erste schöne Tag kritisch ist
Mehrere wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass Honigbienen ihr Verhalten antizipativ an Wetterumschwünge anpassen (Vincze et al., 2024). Während Schlechtwetterphasen bleiben viele Sammelbienen im Stock, die Brut wird weiter gepflegt, und die Volksdichte nimmt zu.
Kommt dann ein stabiler, sonniger Tag mit wenig Wind, ist das Volk oft bereits „überreif“. Der Schwarm fällt sprichwörtlich wie eine gespannte Feder aus dem Stock. Wir haben mehrfach erlebt, dass nach drei bis fünf Regentagen der erste warme Morgen nahezu synchron mehrere Schwärme in der Umgebung ausgelöst hat – ein Phänomen, das auch in Feldstudien beschrieben wird (Rutschmann et al., 2025).
Wind, Sonne und Tageszeit
Schwärme ziehen bevorzugt bei ruhigem Wetter ab. Windgeschwindigkeiten über etwa 6 m/s reduzieren nachweislich die Flugaktivität (Vincze et al., 2024). Ideal sind sonnige, leicht bewölkte Tage mit wenig Thermik.
Zeitlich liegen die meisten Schwarmabgänge zwischen 10 und 14 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt sind Temperaturen stabil, die Sonne hat den Stock erwärmt und die Flugbienen sind aktiv. Auch das bestätigen sensorbasierte Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz (Senger et al., 2023).
Was das für unsere Arbeit als Bio-Imkerei bedeutet
Für uns als Bio-Imkerei Arnet Scherrer heisst Schwarmwetter vor allem eines: Präsenz. In schwarmträchtigen Wochen kontrollieren wir unsere Völker gezielt vor angekündigten Warmphasen. Ich persönlich empfinde diese Zeit als besonders faszinierend – man spürt förmlich, wie das Volk „entscheidet“.
Die Wissenschaft hilft uns, diese Intuition zu schärfen. Temperaturverläufe, Luftfeuchtigkeit und Wetterprognosen sind heute wertvolle Werkzeuge, um Eingriffe minimal und bienengerecht zu halten. Ziel ist nicht, das Schwärmen zu verhindern, sondern es bewusst zu lenken – im Einklang mit der Natur.
Auf einen Blick:
🐝 Schwarmwetter entsteht durch das Zusammenspiel von Wärme, Feuchtigkeit und Volksstärke
🌡️ Ideal sind Temperaturen zwischen 20 und 30 °C
🌧️ Besonders kritisch: erste Schönwettertage nach Regenperioden
💧 Hohe Luftfeuchtigkeit fördert Nektarfluss und Volksentwicklung
☀️ Schwärme gehen meist vormittags bei ruhigem, sonnigem Wetter ab
Quellen und weiterführende Literatur:
- Grozinger, C. M., Richards, J., & Mattila, H. R. (2014). Mechanisms regulating swarming behavior in honey bees. Apidologie, 45, 327–346.
- Vincze, C. et al. (2024). A review of short-term weather impacts on honey production. International Journal of Biometeorology, 69, 303–317.
- Clarke, D., & Robert, D. (2018). Predictive modelling of honey bee foraging activity using local weather conditions. Apidologie, 49, 386–396.
- Rutschmann, B., Kohl, P. L., & Steffan-Dewenter, I. (2025). Swarming rate and timing of unmanaged honeybee colonies. Insectes Sociaux, 72, 505–512.
- Senger, D. et al. (2023). Weight, temperature and humidity sensor data of honey bee colonies in Germany. Data in Brief, 52, 110015.