Warum jetzt der richtige Moment für die Frühlingshonigernte ist
Warum Wetterwechsel für die Honigreife entscheidend sind
Alte Tracht sichern, bevor neue kommt
Honig entsteht nicht kontinuierlich gleich, sondern in Trachtwellen. Nach kühleren, feuchten Perioden – wie wir sie im Kanton Zug in den letzten Tagen erlebt haben – ist der Honig in den Waben oft weitgehend verdeckelt, weil die Bienen kaum neuen Nektar eintragen und sich auf das Reifen und Umlagern konzentrieren. Genau das ist der Moment, den wir im Auge behalten.
Sobald sich eine stabile, warme Wetterphase ankündigt, ändern die Bienen ihr Verhalten sofort: Sie fliegen intensiver, tragen frischen Nektar und – je nach Vegetation – auch Honigtau ein. Dieser frische Eintrag wird häufig über bereits reifem Honig gelagert oder mit ihm vermischt. Studien zeigen klar, dass neu eingetragener Nektar den durchschnittlichen Wassergehalt im Honigraum wieder erhöhen kann (BOGDANOV et al., 2007; CRANE, 1990).
Seit mehrern Tagen war es nördlich der Alpen kühl und deutlich unter 12°C. Ab Sonntag 17. Mai beginnt sich das Wetter zu beruhigen und es wird warm. Somit wir ab Dienstag wieder Honig eingetragen werden.
Aus unserer Sicht ist deshalb der Zeitraum kurz vor einer stabilen Schönwetterphase oft ideal für die Ernte.
Frischer Nektar und Honigtau verändern den Honig
Qualität entscheidet sich im Timing
Warme, trockene Tage mit Temperaturen über 18–20 °C führen zu starkem Nektarfluss. Gleichzeitig steigt bei bestimmten Baumarten (z. B. Fichte, Ahorn, Linde) die Wahrscheinlichkeit von Honigtau-Eintrag. Honigtauhonige sind wertvoll, benötigen aber längere Reifezeiten und weisen in der Eintragsphase häufig höhere Wassergehalte auf (BOGDANOV et al., 1999). Deshalb wollen wir den Frühlingshonig nicht mit Honigtauhonigen vermischen.
Warten wir zu lange mit der Ernte:
- mischt sich reifer Frühtrachthonig mit unreifem Nektar,
- steigt der Wassergehalt messbar an,
- verlängert sich die notwendige Reifezeit im Volk,
- und das Risiko von Gärung nimmt zu.
Mehrere Arbeiten aus der Honigqualitätsforschung zeigen, dass selbst kurzfristiger Neueintrag den Wassergehalt einzelner Waben um 1–2 Prozentpunkte erhöhen kann (BOGDANOV et al., 2007). Für uns als Bio-Imkerei mit Qualitätsanspruch ist das ein zentrales Argument für das rechtzeitige Ernten vor der nächsten Trachtwelle.
Unsere Erfahrung in Hünenberg und der Zentralschweiz
Praxis bestätigt die Forschung
Gerade in der Zentralschweiz beobachten wir dieses Muster Jahr für Jahr: Nach instabilen Wetterlagen sind die Honigräume oft schön verdeckelt, der Honig reif und aromatisch. Kommt dann eine warme Phase, füllen die Bienen die freien Zellen rasch mit frischem Nektar – manchmal innerhalb weniger Tage.
Auch auf der Stockwaage sehen wir, dass seit dem 11. Mai kein neuer Nektar eingetragen wurde. Seither hat das Gewicht der Bienenstöcke kontinuierlich abgenommen. Ein Zeichen, dass die Bienen den Honig trockneten.
Den richtigen Zeitpunkt direkt am Volk erkennen
Die Bienen zeigen uns alles
Unabhängig von Wetterprognosen verlassen wir uns immer auch auf klare Signale aus dem Volk:
- Hoher Verdeckelungsgrad: Mindestens zwei Drittel, besser drei Viertel der Waben sind verdeckelt. Das gilt international als zuverlässiger Reifeindikator (BOGDANOV et al., 1999).
- Spritzprobe: Wird eine entdeckelte Wabe waagrecht ruckartig bewegt und es spritzt kein Honig, ist der Wassergehalt in der Regel unter 18 %.
- Verhalten der Bienen: Bei reifer Tracht arbeiten die Bienen ruhiger, lagern um und fächeln weniger intensiv. Bei frischem Eintrag herrscht deutlich mehr Aktivität im Honigraum.
- Geruch und Konsistenz: Reifer Honig riecht intensiv, wirkt zäh und „schwer“. Das ist kein Messwert, aber mit Erfahrung sehr zuverlässig.
Diese Zeichen stimmen gut mit wissenschaftlichen Untersuchungen überein, die zeigen, dass Bienen unreifen Honig aktiv offen halten und erst spät verdeckeln (CRANE, 1990).
Refraktometer und Kontrolle – ja, aber richtig eingesetzt
Messen ersetzt Beobachten nicht
Ein Refraktometer ist gerade in Übergangsphasen ein wichtiges Hilfsmittel. Entscheidend ist aber, mehrere Waben und verschiedene Höhen im Honigraum zu messen. Studien zeigen, dass der Wassergehalt innerhalb eines Honigraums variieren kann, besonders wenn frischer Nektar eingetragen wird (BOGDANOV et al., 2007).
Wir messen deshalb gezielt:
- vor der Ernte,
- nach grösseren Wetterumschwüngen,
- und immer stichprobenartig.
Ergibt sich ein Wert unter 18 %, bestätigt das, was uns die Bienen meist schon gezeigt haben.
Fazit: Warum jetzt ein guter Moment ist
Ernten vor der nächsten warmen Phase lohnt sich
Wenn sich jetzt trockene, warme Tage ankündigen, ist das aus imkerlicher Sicht kein Grund zu warten, sondern oft ein klares Signal zu handeln. Die Forschung wie auch unsere Erfahrung in Hünenberg zeigen:
- Reifer Honig bleibt stabil, solange kein neuer Nektar eingelagert wird.
- Frischer Nektar und Honigtau erhöhen den Wassergehalt erneut.
- Eine rechtzeitige Ernte sichert Qualität, Aroma und Haltbarkeit.
Deshalb ist jetzt – oder zumindest unmittelbar vor der nächsten warmen Wetterphase – ein sehr guter Zeitpunkt für die Honigernte.
Auf einen Blick:
🍯 Reifer Honig vor neuer Tracht sichern
🌦️ Wetterwechsel beeinflusst Wassergehalt
🌼 Warme Tage bringen frischen Nektar & Honigtau
🐝 Verdeckelung und Spritzprobe sind entscheidend
🔬 Refraktometer ergänzt die Beobachtung
🌦️ Wetterwechsel beeinflusst Wassergehalt
🌼 Warme Tage bringen frischen Nektar & Honigtau
🐝 Verdeckelung und Spritzprobe sind entscheidend
🔬 Refraktometer ergänzt die Beobachtung
Quellen und weiterführende Literatur:
- Bogdanov, S., Martin, P. & Lüllmann, C. (1999). Honey quality and international regulatory standards. Journal of Apicultural Research.
- Bogdanov, S., Jurendic, T., Sieber, R. & Gallmann, P. (2007). Honey for nutrition and health: a review. Journal of the American College of Nutrition.
- Crane, E. (1990). Bees and Beekeeping: Science, Practice and World Resources. Heinemann, Oxford.
- Agroscope (2020). Praxisempfehlungen zur Honigernte und Honigqualität. Schweizer Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung.
- National Bee Unit (2024). Honey processing and ripening. UK Government Bee Health Programme.