Das virtuelle Brutnest – was leere Zellen wirklich bedeuten

Das virtuelle Brutnest – was leere Zellen wirklich bedeuten

Was verstehen wir unter einem virtuellen Brutnest?

In der klassischen Lehrmeinung befindet sich das Brutnest unterhalb des Königinnenabsperrgitters. Die Königin legt dort Eier, darüber lagern die Arbeiterinnen Honig ein. In starken Völkern beobachten wir jedoch immer wieder ein spannendes Phänomen: Direkt über dem Absperrgitter entstehen zusammenhängende Flächen leerer Zellen im Honigraum – so, als wäre dort Platz für Brut vorgesehen.
Dieses „virtuelle Brutnest“ ist kein echtes Brutnest, weil die Königin das Absperrgitter nicht überwinden kann. Dennoch verhalten sich die Arbeiterinnen so, als wollten sie den Brutraum nach oben erweitern. Studien zur Nestorganisation zeigen, dass Honigbienen das Brutnest stets kompakt halten und es bevorzugt mit leeren, gut temperierten Zellen umgeben (SEELEY, 1985; INSECTES SOCIAUX, 1977).

Der Blick auf die Wabe: Was wir konkret sehen

Auf der abgebildeten Honigwabe sind drei klar unterscheidbare Bereiche sichtbar:
  • Im unteren Bereich, direkt über dem Absperrgitter, finden sich viele offene, leere Zellen.
  • Darüber lagert reifer, verdeckelter Honig.
  • Am oberen Rand zeigt sich erneut verdeckelter Honig mit hellem Wachs.
Diese leeren Zellen sind kein Zufall. Sie entstehen, weil die Bienen bewusst Raum freihalten, anstatt ihn sofort mit Nektar zu füllen. Dieses Verhalten wird in der Fachliteratur als Vermeidung von „Backfilling“ beschrieben – dem Verstopfen des Brutraums mit Honig, was als zentraler Auslöser für Schwarmstimmung gilt (OLIVER, 2015). 

Was sagt das über die Leistung der Königin aus?

Aus unserer Erfahrung am Bienenstand im Kanton Zug ist ein virtuelles Brutnest fast immer ein gutes Zeichen. Es deutet darauf hin, dass die Königin leistungsfähig ist und das Volk von einer starken Legeleistung ausgeht. Die Arbeiterinnen „rechnen“ mit weiterem Brutbedarf und halten vorsorglich Platz frei.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine hohe Brutaktivität eng mit der Wahrnehmung von Königinnenpheromonen zusammenhängt. Junge, vitale Königinnen verteilen diese Pheromone gleichmässiger im Volk, was den Eindruck eines expandierenden Brutnests verstärkt (GROZINGER et al., 2014). 
Kurz gesagt: Leere Zellen über dem Absperrgitter sind kein Zeichen von Schwäche, sondern von biologischem Optimismus.

Virtuelles Brutnest und Schwarmtrieb – Entwarnung oder Warnsignal?

Hier wird es besonders spannend. Viele Imkerinnen und Imker fragen sich, ob diese Struktur ein Hinweis auf bevorstehendes Schwärmen ist. Die Antwort ist differenziert.
Ein virtuelles Brutnest allein bedeutet nicht automatisch hohen Schwarmtrieb. Im Gegenteil: Solange ausreichend Platz für Brut vorhanden ist – auch „gedanklich“ – bleibt der Schwarmimpuls oft gedämpft. Kritisch wird es erst, wenn diese freien Zellen mit Nektar „zugestopft“ werden. Genau dieses Backfilling blockiert die Legetätigkeit der Königin und verstärkt den Schwarmdrang (SEELEY & MORSE, 1976; OLIVER, 2015). 
In starken Frühjahrsphasen in der Zentralschweiz beobachten wir häufig: Völker mit virtuellem Brutnest und genügend Honigraum bleiben länger ruhig als solche, bei denen der Honigraum zu spät erweitert wurde.

Imkerliche Konsequenzen aus unserer Praxis

Ein virtuelles Brutnest ist für uns ein klares Management-Signal. Wir nutzen es als Entscheidungshilfe für den richtigen Zeitpunkt zum Aufsetzen weiterer Honigräume oder zum gezielten Öffnen des Brutnests.

Wann wir handeln

  • Wenn die leeren Zellen rasch mit frischem Nektar gefüllt werden
  • Wenn gleichzeitig viel verdeckelte Brut im Brutraum vorhanden ist
  • Wenn die Tracht stark einsetzt (z. B. Raps oder Linde in der Region Zug)
Studien zeigen, dass rechtzeitige Raumerweiterung und genügend offene Waben den Schwarmtrieb messbar reduzieren können (APIDOLOGIE, 2014; JOURNAL OF APICULTURAL RESEARCH, 2024). 

Warum uns dieses Phänomen fasziniert

Ich persönlich finde das virtuelle Brutnest eines der schönsten Beispiele für die vorausschauende Organisation eines Bienenvolks. Ohne Plan, ohne Anweisung – und doch hochpräzise. Es erinnert uns immer wieder daran, dass gute Imkerei vor allem darin besteht, die Signale der Bienen richtig zu lesen und ihnen rechtzeitig Raum zu geben.

Auf einen Blick:

  • 🐝 Leere Zellen über dem Absperrgitter = virtuelles Brutnest
  • 👑 Hinweis auf leistungsfähige, vitale Königin
  • 📈 Kein direkter Schwarmalarm, solange Platz vorhanden ist
  • 🍯 Gefahr erst bei Backfilling mit Nektar
  • 🧠 Bienen planen Brutraumerweiterung voraus

Quellen und weiterführende Literatur:

  • Seeley, T. D. (1985). Honeybee Ecology. Princeton University Press.
  • Seeley, T. D., & Morse, R. A. (1976). The nest of the honey bee. Insectes Sociaux.
  • Oliver, R. (2015). Understanding Colony Buildup and Decline – Part 7b: Minimizing Swarming. Scientific Beekeeping.
  • Grozinger, C. M., Richards, J., & Mattila, H. R. (2014). Mechanisms regulating swarming behavior. Apidologie.
  • Amiri, E. et al. (2024). Effects of queen excluders on colony dynamics. Journal of Apicultural Research.
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