Künstliche Besamung von Bienenköniginnen – und wie hoch sind die Erfolgschancen?

Künstliche Besamung von Bienenköniginnen – und wie hoch sind die Erfolgschancen?

Die natürliche Paarung einer Bienenkönigin ist ein faszinierendes, aber unkontrolliertes Ereignis. Die Königin fliegt auf ihrem Hochzeitsflug aus und paart sich durchschnittlich mit 10 bis 20 Drohnen, wobei neuere Studien sogar Werte von bis zu 34–77 Paarungen dokumentiert haben (Tarpy et al., 2004; Rangel & Seeley, 2012, zit. in Kocher et al., 2015). Für Züchter, die bestimmte Eigenschaften wie Sanftmut, Varroa-Toleranz oder Honigleistung gezielt weitergeben möchten, ist das ein Problem. Die künstliche Besamung (KB) bietet hier eine Alternative – aber wie gut funktioniert sie in der Praxis?

Was ist die künstliche Besamung?

Bei der künstlichen Besamung wird der Königin Drohnensamen mit einer Spritze direkt in den Ovidukt injiziert. Dazu wird die Königin mit CO₂ betäubt, damit sie während des Eingriffs ruhig bleibt. Die CO₂-Narkose hat dabei einen Doppelzweck: Sie verhindert Bewegungen während des Eingriffs und stimuliert gleichzeitig die Eierstöcke zur Aktivierung (Mackensen & Roberts, 1948, zit. in de Guzman et al., 2020). Vor der Einführung von CO₂ als Narkosemittel begannen weniger als 20 % der besaminten Königinnen innerhalb von 30 Tagen mit der Eiablage – mit CO₂ stieg diese Rate erheblich (de Guzman et al., 2020).

Das Sperma wird von selektierten Drohnen gesammelt – entweder von einem einzelnen Drohn (Einzelbesamung) oder von mehreren Drohnen (Poolbesamung). Die Einzelbesamung erlaubt eine genaue Kontrolle über die Abstammung, die Poolbesamung ahmt die natürliche Mehrfachpaarung besser nach und führt in der Regel zu vitaleren Völkern (Büchler et al., 2013). Für optimale Ergebnisse sollten Jungköniginnen zwischen dem 7. und 10. Tag nach dem Schlüpfen besamt werden, da zu diesem Zeitpunkt die günstigsten Bedingungen für eine erfolgreiche Spermienaufnahme in die Spermatheka bestehen (University of Florida IFAS, 2026).

In der Bienenzucht wird die künstliche Besamung vor allem von spezialisierten Züchtern eingesetzt, die definierte Zuchtlinien erhalten oder weiterzüchten wollen. Für den durchschnittlichen Hobbyimker ist der Eingriff technisch anspruchsvoll und erfordert spezifisches Equipment sowie Übung.

Wie hoch ist die Erfolgsrate?

Hier wird es interessant – und ehrlich gesagt auch etwas ernüchternd.

Die technische Erfolgsrate, also ob die Königin nach der Besamung zu legen beginnt, liegt bei geübten Züchtern bei rund 70 bis 90 % (Cobey, 2007). Das klingt gut, hat aber einen Haken: Viele dieser Königinnen legen zwar Eier, werden aber vom Volk nicht vollständig angenommen oder nach wenigen Wochen abgelöst. Die echte Praxiserfolgsrate liegt deutlich tiefer, oft bei 50 bis 60 % (Büchler et al., 2013).

Die Gründe für Misserfolge sind vielfältig:

Zu wenig Sperma: Die natürliche Königin sammelt auf ihrem Hochzeitsflug rund 5 bis 7 Millionen Spermatozoen in ihrer Spermatheka, wobei Spermathecen mit weniger als 3 Millionen als unzureichend begattet gelten (Tarpy & Page, 2000, zit. in Kocher et al., 2021). Während der natürlichen Paarung werden pro Drohn 6 bis 12 Millionen Spermatozoen übertragen, von denen jedoch nur rund 10 % tatsächlich in die Eileiter der Königin gelangen (Baer et al., 2020). Bei der künstlichen Besamung werden typischerweise 8 bis 12 Mikroliter Sperma injiziert – das bleibt unter dem natürlichen Niveau.

CO₂-Einfluss auf die Königinnenphysiologie: Das zur Betäubung verwendete CO₂ beeinflusst die Genexpression von biogenen Aminrezeptoren im Gehirn und im Ovarialgewebe der Königin messbar (Vergoz et al., 2012). Diese Veränderungen könnten langfristige Auswirkungen auf Lebensdauer und Leistungsfähigkeit haben, wobei mehrfache CO₂-Behandlungen besonders kritisch bewertet werden (Rashid et al., 2022).

Genetische Vielfalt und Volksvitalität: Völker mit Königinnen, die mit 30 oder mehr Drohnen besamt wurden, zeigten in einer Studie eine bessere Brutpflege-Effizienz und niedrigere Varroa-Befallsraten als Völker mit geringer besaminten Königinnen (Delaney et al., 2015). Das unterstreicht, warum die Einzelbesamung im Vergleich zur natürlichen Paarung oft zu schwächeren Völkern führt.

Handhabungsfehler: Die Leistung besaminten Königinnen wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst – Aufzuchtbedingungen, Stress, Erfahrung des Besamers, Futterversorgung, Temperatur sowie Qualität und Menge der Spermien (Rashid et al., 2022). Eine falsch positionierte Nadel kann zudem die Eileiter beschädigen und den Eingriff zum Misserfolg machen (Woyke, 1983).

Ich finde es bemerkenswert, wie viel Präzision dieser Eingriff erfordert. Die natürliche Selektion, welche die Bienen über Jahrtausende perfektioniert haben, lässt sich eben nicht einfach mit einer Spritze imitieren.

Wann macht die künstliche Besamung Sinn?

Die KB ist sinnvoll, wenn genetisches Material von besonders wertvollen Zuchtlinien gesichert werden soll, auf Belegstellen keine kontrollierte Paarung möglich ist, oder gezielte Kreuzungen für Zuchtprogramme – etwa für Varroa-tolerante Bienen – durchgeführt werden sollen (Büchler et al., 2013). Für die Reinerhaltung bestimmter Bienenrassen wie der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera) spielt die KB eine zentrale Rolle. Studien zeigen zudem, dass durch die KB und den Einsatz des BLUP-Selektionsmodells ein messbarer genetischer Fortschritt in Merkmalen wie Hygieneverhalten, Honigleistung und Frühjahrsentwicklung erzielt werden kann (Maucourt et al., 2023).

Als Imker, dem die natürliche Biologie der Bienen am Herzen liegt, werden die Königinnen nicht künstlich besamt. Die Bienen wissen selbst am besten, welche Königin und welche Gene sie brauchen. 

Fazit

Die künstliche Besamung ist ein wertvolles Werkzeug in der Bienenzucht, aber kein Ersatz für die natürliche Paarung. Die Erfolgsrate ist stark von der Erfahrung des Züchters, dem Equipment und der Qualität des Samens abhängig. Wer einsteigen möchte, sollte Kurse besuchen – die nationalen Bienenzuchtverbände in der Schweiz bieten solche Ausbildungen an. Als Bio Imker ist die künstliche Besamung nicht zulässig.

Quellen

Baer, B., Eubel, H., Taylor, N.L., O'Toole, N. und Millar, A.H. (2020). Sperm Quality Assessment in Honey Bee Drones. Insects, 11(7), S. 407.

Büchler, R., Andonov, S., Bienefeld, K., Costa, C., Hatjina, F., Kezic, N., Kryger, P., Spivak, M., Uzunov, A. und Wilde, J. (2013). The efficiency of selected queen rearing methods in Europe. Journal of Apicultural Research, 52(2), S. 1–9.

Cobey, S.W. (2007). Comparison studies of instrumentally inseminated and naturally mated honey bee queens and factors affecting their performance. Apidologie, 38(4), S. 390–410.

de Guzman, L.I., Rinderer, T.E. und Delatte, G.T. (2020). Controlled reproduction in the honey bee (Apis mellifera) via artificial insemination. Advances in Insect Physiology, 59, S. 1–44.

Delaney, D.A., Keller, J.J., Caren, J.R. und Tarpy, D.R. (2015). Honey Bee Colonies Headed by Hyperpolyandrous Queens Have Improved Brood Rearing Efficiency and Lower Infestation Rates of Parasitic Varroa Mites. PLOS ONE, 11(12), e0142985.

Maucourt, S., Fortin, F., Robert, C. und Giovenazzo, P. (2023). Observation of Genetic Gain with Instrumental Insemination of Honeybee Queens. Insects, 14(3), S. 285.

Rashid, M., Ahmad, S., Naz, F. und Asghar, M. (2022). Instrumental insemination: A nontraditional technique to produce superior quality honey bee (Apis mellifera) queens. Journal of King Saud University – Science, 34(5), 102008.

University of Florida IFAS Extension (2026). Strengthening Honey Bee Colonies Through Queen Instrumental Insemination. UF/IFAS Entomology and Nematology Department Blog, 5. März 2026.

Vergoz, V., Lim, J. und Oldroyd, B.P. (2012). Effects of natural mating and CO₂ narcosis on biogenic amine receptor gene expression in the ovaries and brain of queen honey bees, Apis mellifera. Journal of Experimental Biology, 215(21), S. 3711–3717.

Woyke, J. (1983). Dynamics of entry of spermatozoa into the spermatheca of instrumentally inseminated queen honeybees. Journal of Apicultural Research, 22(3), S. 150–154.

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