Stress bei Dauerhitze: Was die Erwärmung mit unseren Bienen macht

Stress bei Dauerhitze: Was die Erwärmung mit unseren Bienen macht

Wenn der Sommer zur Belastung wird

Wir freuen uns über sonnige Tage, doch für Honigbienen ist Hitze kein reines Sommerglück. Während kurze Hitzespitzen für ein starkes Volk gut kompensierbar sind, stellt Dauerhitze eine ganz andere Herausforderung dar. In den letzten Jahren sehen wir auch im Kanton Zug vermehrt Phasen mit über 30 °C – teils über Wochen. Genau hier beginnt der Stress für unsere Bienen.

Die Wissenschaft bestätigt, was wir am Bienenstand spüren: Chronische Hitze wirkt sich nicht nur auf die Temperatur im Stock aus, sondern greift tief in das Verhalten und den Stoffwechsel der Sammelbienen ein (ZHAO et al., 2021).


Optimale Temperaturen: Ein enger Spielraum

Honigbienen sind Meisterinnen der Klimaregulierung. Im Brutnest halten sie die Temperatur erstaunlich konstant bei rund 34,5–35,5 °C – unabhängig davon, ob draussen Frühling oder Hochsommer herrscht (SEELEY, 2019; ZHAO et al., 2021).
Steigt die Aussentemperatur jedoch dauerhaft über 30 °C, verschiebt sich die Arbeitsteilung im Volk: Statt Nektar und Pollen zu sammeln, werden immer mehr Arbeiterinnen für Kühlung und Wassertransport eingesetzt. Das kostet Energie – und Ertrag.

Was Dauerhitze mit dem Sammelverhalten macht

Eine aktuelle koreanische Studie hat genau diesen Effekt untersucht. Forschende setzten Honigbienen über mehrere Monate kontrollierten Temperaturen von 25 °C beziehungsweise 35 °C aus und verglichen sie mit Völkern unter natürlichen Bedingungen (FRUNZE et al., 2026).

Das Resultat ist bemerkenswert:
  • Bienen aus der 35‑°C‑Gruppe reagierten deutlich weniger sensibel auf niedrige Zuckerkonzentrationen im Nektar.
  • Besonders Lösungen mit 0,1–3 % Zucker wurden schlechter wahrgenommen – genau jene Konzentrationen, die in der Natur häufig vorkommen.
  • Erst bei sehr hohen Zuckergehalten (10–30 %) verschwand dieser Unterschied.
Für uns Imker heisst das: Bei Dauerhitze „übersehen“ Sammelbienen potenziell gute Trachtquellen. Die Folge sind geringere Einträge und schwächere Honigreserven im Spätsommer (FRUNZE et al., 2026).


Stoffwechsel unter Stress

Hitze bleibt nicht an der Oberfläche. Auf molekularer Ebene verändern sich bei gestressten Bienen wichtige Stoffwechsel‑ und Steuerungsprozesse. In der genannten Studie zeigten neun Gene eine klare Temperaturempfindlichkeit, darunter solche, die mit:
  • Alterung,
  • Lern‑ und Orientierungsfähigkeit,
  • und der Regulation des Sammelverhaltens
zusammenhängen (FRUNZE et al., 2026).
Andere Arbeiten bestätigen, dass chronische Hitze den Energieverbrauch der Völker erhöht. Honig- und Nektarvorräte nehmen ab, obwohl die Brutmenge stabil bleiben kann – ein klares Zeichen für Mehrarbeit im Stock (WEINBERG et al., 2023).


Thermoregulation hat ihren Preis

Bienen kühlen ihren Stock durch Fächeln, Verdunstung von Wasser und gezielte Platzierung der Brut. Dieses ausgeklügelte System funktioniert erstaunlich gut – hat aber Grenzen. Feldstudien zeigen, dass bei anhaltenden Hitzewellen selbst starke Völker tägliche Temperaturschwankungen im Brutbereich nicht mehr vollständig ausgleichen können (CHEN et al., 2026).
Besonders betroffen sind kleinere oder geschwächte Völker. Genau hier sehen wir in der Praxis ein erhöhtes Risiko für:
  • Brutverluste,
  • reduzierte Volksentwicklung,
  • und eine geringere Überwinterungsstärke.


Unsere Erfahrungen aus der Bio‑Imkerei in Hünenberg

Wir merken an unseren Ständen: In Hitzephasen stehen viele Bienen „bärtelnd“ vor der Beute, Wasser wird in grossen Mengen eingetragen, während der Nektareintrag stagniert. Ich erinnere mich an Sommer, in denen die Linden eigentlich gut honigen müssten – und trotzdem bleibt der Honigraum leichter als erwartet.

Das deckt sich erstaunlich gut mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dauerhitze ist kein akutes Drama, sondern ein schleichender Stressfaktor, der sich erst Wochen später im Volk zeigt.

Was hilft den Bienen bei Dauerhitze?

Aus Forschung und Praxis lassen sich klare Massnahmen ableiten:
  • Schattige Standorte reduzieren die direkte Sonnenbelastung deutlich.
  • Stetige Wasserquellen in Standnähe sind essenziell.
  • Eine gute Belüftung der Beuten hilft, Temperaturspitzen abzufedern.
  • Starke, gesunde Völker kommen mit Hitze deutlich besser zurecht als geschwächte (ZHAO et al., 2021; JHAWAR et al., 2023).
Als Bio‑Imkerei sehen wir unsere Aufgabe darin, diese natürlichen Anpassungsstrategien zu unterstützen – nicht zu behindern.

Fazit: Hitze wird zum neuen Normal

Auch wenn dauerhafte 35 °C‑Sommer in der Schweiz (noch) selten sind: Kürzere, intensive Hitzeperioden nehmen zu. Für Honigbienen bedeutet das messbaren Stress, verändertes Sammelverhalten und langfristige Auswirkungen auf die Volksentwicklung.
Die gute Nachricht: Bienen sind unglaublich anpassungsfähig. Wenn wir ihre Bedürfnisse verstehen und unsere Imkerei darauf ausrichten, können sie auch mit einem wärmeren Klima umgehen – selbst hier in der Zentralschweiz.


Auf einen Blick:

🐝 Dauerhitze verändert das Sammelverhalten
🌡️ Optimale Bruttemperatur: ca. 35 °C
🍯 Geringere Honigeinträge bei chronischer Hitze
🧬 Hitze beeinflusst Gene und Stoffwechsel
💧 Wasser und Schatten sind entscheidend

Quellen und weiterführende Literatur:

  • Frunze, O. et al. (2026). Chronic heat stress disrupts foraging motivation in honey bees. Journal of Insect Physiology.
  • Zhao, H. et al. (2021). Response mechanisms to heat stress in bees. Apidologie.
  • Weinberg, I. P. et al. (2023). The organizational impact of chronic heat in honey bee colonies. Frontiers in Ecology and Evolution.
  • Jhawar, J. et al. (2023). How honeybees respond to heat stress from the individual to colony level. Journal of the Royal Society Interface.
  • Chen, J. et al. (2026). Negative effects of excessive heat on colony thermoregulation. Ecological and Evolutionary Physiology.
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