Wildbienen und Wespen im Kanton Zug – unterschätzt, unverzichtbar
Die grosse Vielfalt vor unserer Haustür
Wenn wir an Bienen denken, kommt vielen zuerst die Honigbiene in den Sinn. Doch sie ist nur eine von vielen. In der Schweiz sind rund 600 Wildbienenarten nachgewiesen, weltweit sind es über 20’000 (IG WILDE BIENE, 2026). Auch im Kanton Zug finden wir eine erstaunliche Vielfalt: von der Gehörnten Mauerbiene in Siedlungsgebieten bis zu Sandbienen auf offenen Böden im Reusstal.
Wildbienen leben meist solitär, also ohne Staat. Jede weibliche Biene sorgt selbst für ihre Brut. Diese Lebensweise macht sie besonders sensibel gegenüber Veränderungen in der Landschaft. Fehlende Blüten, versiegelte Böden oder monotone Gärten wirken sich direkt auf ihren Fortpflanzungserfolg aus (AGROSCOPE, 2026).
Wespen gehören biologisch zur gleichen Ordnung wie Bienen (Hautflügler), werden aber oft pauschal als «lästig» wahrgenommen. Dabei gibt es auch hier eine grosse Artenvielfalt, von solitären Grabwespen bis zu sozialen Faltenwespen, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen.
Bestäubung: Wildbienen leisten Erstaunliches
Aus unserer Arbeit mit Honigbienen wissen wir: Bestäubung ist kein Selbstläufer. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Wildbienen einen mindestens gleichwertigen Beitrag zur Bestäubung leisten wie Honigbienen – oft sogar effizienter bei bestimmten Kulturen (AGROSCOPE, 2026).
Ein eindrückliches Beispiel: Für die Bestäubung einer Apfelanlage von einem Hektar reichen rund 500 Weibchen der Gehörnten Mauerbiene aus, während dafür mehrere zehntausend Honigbienen nötig wären (BIENENFACHSTELLE KANTON ZÜRICH, 2023). Wildbienen fliegen auch bei kühleren Temperaturen und besuchen gezielter bestimmte Pflanzenarten.
Rund 75 % der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen profitieren von tierischer Bestäubung, und etwa 80 % der Wildpflanzen sind darauf angewiesen (MATIAS et al., 2017). Ohne Wildbienen würde auch im Kanton Zug vieles nicht mehr blühen – weder im Obstgarten noch auf der Magerwiese.
Wespen: Mehr als nur «lästig»
Wespen werden selten mit Bestäubung in Verbindung gebracht. Zu Unrecht. Neuere Forschung zeigt, dass Wespen beim Blütenbesuch durchaus relevante Mengen an Pollen übertragen können. In einzelnen Studien war die Pollendeposition von Papierwespen sogar vergleichbar mit jener von Hummeln (BORCHARDT et al., 2024).
Zwar sammeln die meisten Wespen keinen Pollen für ihre Brut, sondern jagen andere Insekten. Doch gerade dieser Jagdtrieb macht sie zu wichtigen Regulatoren im Ökosystem: Sie reduzieren Schädlinge in Gärten und Landwirtschaft und tragen so zur natürlichen Balance bei (BORCHARDT et al., 2024).
Als Imker erleben wir immer wieder, dass Wespen in der Nähe unserer Stände auftauchen. Sie sind Teil des Systems – und solange genügend Nahrung vorhanden ist, halten sich Konflikte in Grenzen.
Bedrohungen im Kanton Zug und in der Schweiz
Die Lage ist ernst. Gemäss dem umfassenden Bericht «Insektenvielfalt in der Schweiz» gelten rund 60 % der bewerteten Insektenarten als gefährdet oder potenziell gefährdet (WIDMER et al., 2021). Besonders betroffen sind Lebensräume im Mittelland – also auch in unserer Region. Zu den Hauptursachen zählen der Verlust von Blütenvielfalt, der Rückgang von Kleinstrukturen wie Hecken oder Totholz, Pestizideinsatz und die zunehmende Versiegelung von Böden (WIDMER et al., 2021). Auch im Kanton Zug sind geeignete Lebensräume stark fragmentiert.
Der Kanton reagiert: Mit der Planung einer ökologischen Infrastruktur sollen Lebensräume besser vernetzt und aufgewertet werden, um Wildbienen und anderen Insekten langfristig eine Perspektive zu geben (KANTON ZUG, 2025).
Was wir konkret tun können – aus Sicht der Imkerei
Als Bio-Imkerei Arnet Scherrer sehen wir uns nicht nur als Honiglieferanten, sondern als Teil eines grösseren Ganzen. Honig- und Wildbienen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – sie ergänzen sich.
In unserem Garten und auf Betriebsflächen setzen wir auf einheimische Blühpflanzen, gestaffelte Blütezeiten und offene Bodenstellen. Wichtig ist auch Zurückhaltung: weniger mähen, weniger aufräumen, mehr zulassen. Ein «unordentlicher» Garten ist oft ein wertvoller Lebensraum.
Auf einen Blick:
- 🐝 Rund 600 Wildbienenarten in der Schweiz
- 🌸 Wildbienen sind oft effizientere Bestäuber als Honigbienen
- 🐝 Wespen bestäuben mit – und regulieren Schädlinge
- 🌱 Lebensraumverlust ist die grösste Gefahr
- 🏡 Naturnahe Gärten helfen sofort und konkret
Quellen und weiterführende Literatur:
- Agroscope (2026). Massnahmen zur Förderung bodennistender Wildbienen auf landwirtschaftlichen Betrieben. Schweizer Forschungsanstalt für Landwirtschaft.
- Borchardt, K. E. et al. (2024). Debunking wasp pollination. Ecological Entomology.
- Matias, D. M. S. et al. (2017). A review of ecosystem service benefits from wild bees. Ambio.
- Widmer, I. et al. (2021). Insektenvielfalt in der Schweiz: Bedeutung, Trends, Handlungsoptionen. Swiss Academies Reports.
- IG Wilde Biene (2026). Wildbienen in der Schweiz.